Der pfeifende Pianist Franz

 

 

 

Sie fragen sich jetzt sicherlich, wer Franz eigentlich ist. Franz ist keine reale Person, sondern eine fiktive Figur, die ich mir ausgedacht habe. Stellen wir uns vor, Franz ist 30 Jahre alt, lebt im Jahr 1932 in München und hat gerade das Buch Die Morgenlandfahrt von einem Freund aus der Schweiz bekommen. Das Buch ist gerade frisch erschienen und Franz ist gespannt, es zu lesen. Für Franz ist es eine schwierige Zeit, denn er ist Jude und überzeugter Sozialdemokrat. In einer Zeit, in der Menschen wie er immer mehr gehasst und verachtet werden. Außerdem ist er allein. Er hat keine Eltern mehr, da sein Vater im Ersten Weltkrieg 1917 gefallen ist und seine Mutter bei seiner Geburt starb. Franz arbeitet in einer Fabrik und versucht, möglichst nicht aufzufallen, um keine Probleme zu bekommen. Er fragt sich immer häufiger, welchen Platz er in dieser von Hass geprägten Gesellschaft hat.

Als er eines Tages nach Hause kam, fasste er den Vorsatz, die Morgenlandfahrt, die er unter seinem Bett versteckt hatte, endlich zu lesen. Dies tat er auch. Als er anfing, war er noch ein bisschen irritiert, da er die im Buch erwähnten Andeutungen gar nicht richtig kannte, und es wurde ihm zu viel. Aber er hatte einen so starken Drang, weiterzulesen. Mit der Zeit wurde es Abend und er las immer noch. Als es draußen stockdunkel war, war Leo schon fast fertig mit dem Buch. Er liebte es, er konnte sich mit dem Hauptcharakter H. H. so richtig gut identifizieren und mitfühlen.

Es war schon Mitternacht, als er endlich das Ende des Werkes erreichte. Als er las, wie H. H. zu Bett ging, war er ebenfalls müde und ging ebenfalls zu Bett.

 

Als er am nächsten Morgen aufwachte, dachte er noch einmal über das nach, was er am Abend zuvor gelesen hatte. Er war sprachlos und fühlte sich vollkommen anders. Die Morgenlandfahrt hatte etwas mit ihm gemacht. Er konnte nicht sagen, was genau, aber er fühlte sich nicht mehr so verloren wie zuvor. Er fühlte sich wertvoller. Franz hatte etwas gemerkt. Sein geringes Selbstwertgefühl und die Einsamkeit, die daraus resultierte, dass ihn niemand respektierte und er Angst hatte, von der Gesellschaft verletzt zu werden, waren praktisch verschwunden. Franz blickte in seine Lebensbibliothek zurück und fand etwas, das er schon lange vergessen hatte. Das Klavierspielen, das sein Vater ihm beigebracht hatte, bevor er im Krieg starb. Damit verbunden war die Freude, die er empfand, wenn er spielte.

Er merkte, dass die Entscheidung, wer er ist, bei ihm selbst liegt und nicht bei jemand anderem. Er erkannte, dass sein Selbstwertgefühl nicht anhand einer Gesellschaft, sondern an sich selbst zu messen ist. Er beschloss, sein Manuskript selbst neu zu schreiben, packte seine sieben Sachen und ging zu seinem Freund in die Schweiz. Es war eine schwierige Reise, aber er schaffte es. In der Schweiz ging er an eine Musikschule und verwirklichte seinen Traum, Pianist zu werden. Er spielte und pfiff fröhlich bis an sein Lebensende. Er verschmolz mit seinem wahren Ich.

Nun, diese Geschichte scheint schon sehr fiktiv zu sein und eher einem Traum zu entstammen, aber ich denke, dass es einigen Menschen, die die Morgenlandfahrt gelesen haben, ähnlich erging. Ich hoffe, dass noch möglichst viele Menschen diese Selbstfindung erreichen können.

 

 

Quellen: 

Buch Die Morgenlandfahrt (GooglePlayBooks)