Interview mit H.H

Wie würden sie sich selbst beschreiben Herr H.H?

Es kommt drauf an. Früher hätte ich mich anders beschrieben als heute. Früher war ich voller Energie und Lebensfreude. Ich war gerne unter anderen Leuten und fühlte mich wohl. Ich hatte hohe Erwartungen am Leben und war gespannt darauf, was das Leben für mich zu bieten hat. Heute jedoch fühle ich mich erschöpft und sehe den Sinn des Lebens nicht mehr. Mir fehlt zu allem die Motivation und ich fühle seit Jahren einsam und allein in der grossen Welt. Ich habe meinen Glauben verloren und habe keine Hoffnung mehr. Das Einzige, was meinem Leben noch Sinn verleiht ist die Aufgabe, von der Morgenlandfahrt zu berichten, doch nicht mal das will mir gelingen. Ich fühle mich alt und vergesslich. Doch eine Eigenschaft, die ich immer noch besitze und die auch früher in meinen Jungen Jahren schon sehr ausgeprägt war, ist meine Naivität und meine Hartnäckigkeit.

 

Welche Erwartungen hatten sie an die Morgenlandfahrt?

Nun ja, meine Erwartungen an die Reise waren sehr hoch. Zum einen erwarte ich, dass mich die Morgenlandfahrt innerlich prägt und ich viele neue Dinge lerne und das ich mich während der Pilgerreise entwickle und mich selbst finde. Zum anderen Teil hoffe ich darauf viele neue interessante Orte und Leute kennenzulernen und ganz besonders die Prinzessin Fatme, will ich mit meinen eigenen Augen sehen da dies auch mein persönliches Reiseziel ist was ich dem Bund damals auch so sagte (S.5)

 

Was war für Sie der schwierigste Moment während der Reise?

Ich glaube diese Frage lässt sich ziemlich einfach beantworten. Ich hatte während der Morgenlandfahrt so gut wie keine Probleme. Immer wieder kam es vor, dass Leute während unserer Reise die Gruppe verlassen haben. Doch ich hatte nie solche Ideen. Doch eines unscheinbaren Tages als und der Diener Leo plötzlich wie aus dem nichts verschwand und wir alle nicht wussten wieso und wohin, kam es zu einem Streit zwischen den Mitgliedern unserer Gruppe mich eingeschlossen. An diesem Tage verlor ich den Glauben an den Bund und die Morgenlandfahrt und die Reise war somit für mich beendet.

 

Was haben sie nach der Morgenlandfahrt gemacht?

Um ehrlich zu sein nicht viel. Nach dem Verschwinden Leo’s und dem Ende der Morgenlandfahrt ging es mir sehr schlecht. Ich hatte grosse Zweifel an mir selbst, war oft krank und ich fühlte mich einsam und zurückgelassen. Auch psychisch hatte ich grosse Schwierigkeiten und ich habe keinen Sinn mehr im Leben gesehen. Ich entschloss mich, die Geschehnisse und Erfahrungen der Morgenlandfahrt niederzuschreiben. Jedoch stellte sich dies als eine grosse Herausforderung heraus, da ich mich nicht mehr an alles erinnern kann und ein weiteres Hindernis ist die Schweigepflicht des Bundes gegen die ich keineswegs verstossen darf. Da ich so hartnäckig bin, fragte ich meinen alten Kollegen Lukas nach Rat, da dieser ein Buch über seine Erlebnisse im grossen Krieg (erster Weltkrieg) geschrieben hat. Er sagte mir ich müsse Leo finden damit ich weiterschreiben kann, weil ich immer wieder an der Stelle mit Leo stecken blieb. Also machte ich mich auf die Suche nach Leo und wartete Tag für Tag vor seinem Haus. Eines Tages traf ich ihn endlich, doch er erkannte mich nicht wieder was mich zutiefst erschütterte. Ich schrie alles, was ich konnte nach unserem Treffen auf und stellte ihm den Brief zu, da ich unbedingt wollte, dass er sich an mich erinnert. Am nächsten Tag stand er plötzlich vor mir und bat mich mit ihm zu gehen, um den Bund zu sehen. Dies verunsicherte und verblüffte mich da ich glaubte der Bund würde schon längst nicht ehr existieren. Dort wurde ich dann von den obersten Mitgliedern des Bundes und dem Anführer, welcher unglaublicherweise Diener Leo war, verurteilt, weil ich meinen Bundesring nicht mehr hatte und meinen Glauben an den Bund verlor und nicht mehr betete.

 

Was glauben Sie auf der Morgenlandfahrt gelernt zu haben?

Ich habe einige wichtige Erkenntnisse gemacht. Ich habe gelernt, dass man nie den Glauben verlieren sollte an etwas, was einem wichtig ist. Es gibt immer etwas, wofür es sich zu Leben lohnt auch wenn es in schwierigen und dunklen Zeiten manchmal nicht so erscheint. Manche Dinge sind nicht einfach das, wofür wir sie auf den ersten Blick halten. Ich habe erkannt, dass es wichtig ist, anderen zu Dienen und für alle da zu sein die es brauchen. Mein guter Freund Leo sagte mir einst: «Was lange leben will, muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.» (S.16) Man sollte stets bescheiden sein und immer alle gleich behandeln.

 

Sind Sie froh wieder in den Bund aufgenommen worden zu sein?

Ja ich bin sehr froh wieder im Bund zu sein. Ich fühle mich jetzt nach all diesen Jahren endlich wieder verstanden und nicht mehr so einsam. Es freut mich riesig alle diese alten Bekannten wiederzusehen, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe. Der Bund gibt mir wieder Kraft und einen Sinn weiterzuleben und wieder zu beten und endlich wieder glücklich leben zu können da ich jetzt im reinen mit mir selbst bin.

Quellen:

Buch Die Morgenlandfahrt (GooglePlayBooks)