Fragekatalog
Fragekatalog zu der «Morgenlandfahrt» von Herman Hesse
Wer ist H.H? Nun, ich denke, diese Frage ist leicht zu beantworten. Aus der Logik der Initialen abzuleiten, steht H. H. stellvertretend für Hermann Hesse selbst.
Eigentlich könnten wir hier schon aufhören. Aber ich würde mich gerne noch weiter in diese Frage vertiefen. Wenn H. H. einfach für Hermann Hesse stehen würde, wieso hat er dann nicht aus der Ich-Perspektive geschrieben, wenn er dieselbe Person ist? Das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass H. H. ganz der gleiche Hermann Hesse ist. Zwar besteht eine klare Verbindung zwischen den beiden, denn es ist anzunehmen, dass er nicht aus irgendeinem Grund seine Initialen gewählt hat. Was könnte also der Grund hinter dem Ganzen sein? Leider hatte ich nicht das Vergnügen, mit Hermann Hesse direkt zu sprechen, aber trotzdem würde ich gerne eine Vermutung aufstellen. Was wäre, wenn H. H. ein Teil von Hermann Hesse wäre? Eines seiner Hauptthemen in seinen Hauptwerken ist die Selbstfindung. Somit könnte H. H. ein Teil seiner Selbstfindung sein – und vielleicht sogar ein Teil von uns allen. Die verschiedenen Phasen, die wir durchlaufen, die emotionalen Achterbahnen, die wir erleben, und der „Glaube”, den wir manchmal verlieren – hier lasse ich die Interpretation offen –, all das zusammen. Manchmal ist es nötig, zuerst in sein Inneres zu blicken, statt immerzu in der Umwelt nach Lösungen zu suchen. So kann sich auch die Figur, die ihren „Glauben” am meisten verloren hat, wieder mit ihrem eigentlichen „Ich” verschmelzen.
Wie kann man sich in den 1930er Jahren wie auch heute mit dem Werk identifizieren?
Meiner Meinung nach ist die „Morgenlandfahrt” ein zeitloses Buch. Hätte ich nicht gewusst, dass es im Jahr 1932 veröffentlicht wurde, hätte ich dem Werk kein genaues Veröffentlichungsjahr zuordnen können, natürlich abgesehen davon, dass der Erste Weltkrieg erwähnt wird. Die Suche nach Selbstfindung und die Hinterfragung eines Individuums, das seine Rolle im „Bund” finden möchte oder muss, um einen Sinn im Leben zu haben, ist ein Thema, das meiner Meinung nach sowohl in der Zeit der weltweiten Wirtschaftskrise und des Aufstiegs des Nationalsozialismus als auch heute aktuell ist. Heute leben wir in einer Welt, die sich zwar in einer anderen weltpolitischen Lage befindet, aber ebenfalls großen Herausforderungen gegenübersteht. Viele Menschen versinken in ihrer Arbeit und haben durch mehrere Kriege und Ungleichheit einen bitteren Beigeschmack im Leben. Ich möchte betonen, dass die Menschheit nicht nur eine traurige, verlorene Schafsherde ist, die darauf wartet, vom Wolf gefressen zu werden, sondern auch eine sich entwickelnde Spezies, die voller Wunder steckt. Manchmal ist es jedoch nötig, in die Bibliothek des eigenen Lebens zu gehen, um wieder mit seinem eigentlichen Ich zu verschmelzen. So im Jahr 1932, so heute und so auch morgen.
Warum der Titel: « die Morgenlandfahrt»?
Nun, diese Frage ist in dem Sinne auf verschiedene Beweise zu stützen. Ein Beispiel wäre der Titel, der ganz klar darauf hinweist, in welche Richtung die Reise geht. Das Morgenland. Dies wird am Ende von Seite 5 von H. H. nochmals bestätigt, wo Hesse schreibt: „... hatte ich mich einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande angeschlossen, einer bestimmten und einmaligen.”
Doch wo liegt eigentlich das Morgenland? Wikipedia definiert es wie folgt: „Morgenland ist die Vorstellung eines von Europa aus betrachtet ungefähr im Osten und damit in Richtung Sonnenaufgang („gen Morgen“) liegenden Gebietes. Morgenland bildet mit Abendland einen begrifflichen Gegensatz, der räumlich und zugleich kulturell bestimmt wird und als eines der kulturellen Kriterien Regionen mit einer mehrheitlich christlichen von Regionen mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung unterscheidet.“ [1]
Damit hätten wir das auch geklärt! Ein weiterer Beweis dafür, dass es in Richtung Osten geht, ist der Name der Prinzessin, in die sich H. H. unbedingt verlieben möchte. Auf Seite 4 schreibt Hesse: „... die schöne Prinzessin Fatme zu sehen und womöglich ihre Liebe zu gewinnen.”
Fatma existierte in der Realität, wie viele andere Figuren in Hesses Werk auch. Ihr echter Name war Fatme Sultan. Sie lebte im 17. Jahrhundert als Prinzessin des Osmanischen Reiches.[2]
Jetzt ist klar, wohin die Reise geht. Die Frage ist nur: Wieso genau dorthin?
Ich kann es nicht genau sagen, aber ich vermute, dass es daran liegt, dass Hermann Hesse eine gewisse Zuneigung zum Osten hatte. So interessierten ihn Religionen wie der Buddhismus und der Hinduismus sehr. Das sind zwar beides Religionen, die sich weiter im Osten befinden, aber sie bestätigen die Richtung. Außerdem passt der Osten gut in den Kontext seines Werkes. Der Bund unternimmt eine Reise in Richtung des Morgenlandes. So etwas gab es schon mehrfach in der Geschichte, zum Beispiel die Feldzüge der Kreuzritter. Man kann sich das Ganze also mehr oder weniger gut vorstellen.
Die Frage ist nur, wieso der Bund nie im Morgenland ankam. Das ist auch eine spannende Frage. Diese Frage lasse ich gerne offen.
Was ist der Bund?
Der „Bund” wird in diesem Sinne nie richtig erklärt. Es werden nur ab und zu gewisse Strukturen des Bundes erwähnt und dass er schon lange existiert, aber erst in der Zeit des Geschehens, den 1930er Jahren, wieder an Wichtigkeit gewann. Ein Beispiel hierfür ist Seite 4, auf der ein Gericht erwähnt wird, in dem der H.H. auf der Anklagebank sitzt: „In den vielen Sesselreihen baute sich die erlauchte Versammlung auf, in Sesselreihen, welche nach hinten anstiegen und immer schmäler wurden; über dem hohen Thron, der die Spitze bildete, sah ich einen goldenen Baldachin funkeln.”
So wird mehrfach über den Bund gesprochen. Man weiß also über ihn Bescheid, aber der Bund an sich wird nie genau definiert. Meiner Interpretation nach ist das eine weitere offene Stelle, die Hermann Hesse uns zur Interpretation überlässt. Der Bund ist wie ein Gerüst des Werkes. Er ist immer da, aber nie das Wichtigste, denn letztendlich ging es vor allem um die Entscheidungen, die H. H. traf. So kann man den Bund als unsere Gesellschaft und uns als H. H. im Bunde sehen. Hier stellt sich jedoch die Frage: Lassen wir zu, dass der Bund über unser Handeln entscheidet, oder entscheiden wir selbst über unseren Weg ins Morgenland?
Wer ist Leo?
Diese Frage habe ich mir vor allem in der Mitte und am Ende des Werkes gestellt. Man lernt Leo zuerst als einen sehr fröhlichen Diener kennen, der seine Arbeit mit Elan und Leidenschaft ausführt. Auf Seite 11 wird er unter anderem wie folgt beschrieben: „Er tat seine Arbeit fröhlich, sang oder pfiff meistens vor sich hin, war nie zu sehen, wenn man ihn brauchte – ein idealer Diener.”
Er scheint sehr bescheiden zu sein und ist eine wichtige Stütze des Bundes. Dies wird vor allem deutlich, als Leo in der gefährlichen Schlucht von Morbino (siehe Seite 17) aus dem Nichts verschwand, was indirekt zum Auseinanderbrechen des Bundes führte. Zumindest dachte H. H. das gute zehn Jahre lang.
Später, gegen Ende des Werkes, annahm er eine ganz andere Gestalt, bekam er eine ganz andere Bedeutung. Er wurde von einem fröhlichen Diener zu einem weisen Mann, der einen wichtigen und großen Einfluss auf H. H. hatte. Dank Leo konnte H. H. seinen „Glauben” wiedererlangen.
Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen, wer Leo eigentlich ist, denke ich, dass er eine Mischung aus einer Person ist, die H.H. im Hintergrund auf den richtigen Weg geführt hat. Sei es als Diener oder als Anführer des Bundes, der H. H. vor Gericht stellt. Wenn wir das jetzt auf uns beziehen, auf die Realität, dann muss Leo nicht unbedingt ein Mensch sein. Er könnte auch ein Teil von uns sein, der tief in uns verankert ist und uns, wenn es darauf ankommt, wieder auf den richtigen Weg bringt.
Quellen: