Tagebucheintrag von H.H über das Verschwinden Leo's (Kapitel 2)

Tagebucheintrag vom 28.10.

Heute war ein unglaublich schlechter Tag. Als wir heute morgen in der gefährlichen Bergschlucht von Morbio Inferiore an der italienischen Grenze unterwegs waren und uns der unglaublich kalte Herbstwind nur so um die Ohren sauste, bemerkte einer plötzlich, dass unser Diener Leo nicht mehr unter uns ist. Ohne weitere Fragen oder Bemerkungen machten wir uns natürlich alle auf die Suche nach dem lieben Leo. Doch noch als wir den ganzen Tag suchten, bis es schon eindämmerte, und nie aufgegeben haben nach Leo zu suchen hatten wir immer noch nicht die geringste Spur. Wir waren alle noch ganz erschöpft von unserer tapferen Durchquerung durch halb Europa und einem Teil des Mittelalters. Und nun mit dem Verschwinden Leo’s haben auch alle ihre Köpfe gesenkt und es herrscht eine bedrückende Stimmung. Ich vermute, die anderen empfanden genau so ein ähnliches Gefühl von Unmut und Kummer wie ich. Ich komme der Gedanke nicht los, dass dieses unvorhersehbare Ereignis kein Zufall ist, sondern dass unser Erbfeind ein weiteres mal versucht unserer Reise ein Ende zu setzen. Es fühlt sich fast so an, als wäre es viel mehr als nur das Verschwinden unseres geliebten Diener Leo’s. Als wäre es der Beginn etwas viel Grösserem wie etwa ein Anzeichen auf einen Sturm, der über uns hereinbrechen wird. Als wir dann schon praktisch die ganze Schlucht abgesucht haben, wurde mir klar wie wichtig Diener Leo für uns eigentlich war und welch grosse Auswirkung sein Verlust auf uns hat. ich glaube den anderen erging es ähnlich wie mir. Die Morgenlandfahrt und deren Ziel schien ohne das hübsche Gesicht, ohne die gute Laune, ohne Gesang und ohne Leo’s Begeisterung plötzlich auch für uns oder zumindest für mich auch zunehmend an Wert zu verlieren. Zum ersten Mal auf dieser Reise fühlte ich den Zweifel und die Enttäuschung in mir nur so heranwachsen. Diese Gefühle verunsichern mich sehr, denn ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so entschlossen gefühlt etwas durchzuziehen wie das grosse Ziel dieser Reise ins Morgenland zu erreichen. Die ganzen kleinen Momente der Enttäuschung und Anstrengungen, die ich bisher auf dieser Reise erlebt habe, steckte ich jeweils tapfer weg ohne innere Schwäche zu zeigen. Doch dieses Mal scheint es unerklärlicherweise ganz anders zu sein. Mit der Zeit werden der Zweifel und die Traurigkeit, die mir das Herz zerreisst, immer stärker und ich merke, wie mit ihr auch mein Glaube an das Wiedersehen Leo’s und mein Leben als ganzes zu zerbrechen. Der Wert, der Sinn, die Freundschaften, die ich während unserer Reise geschlossen habe und den Schwur, den ich voller Tatendrang und Naivität einging, schien zu vergehen. Darunter auch die Morgenlandfahrt. Und so hart es auch klingen mag waren diese eben aufgezählten Dinge mein ganzes Leben und alles, was ich hatte. Doch nun genug mit dieser Tristesse. Ich habe nämlich noch über eine höchst merkwürdige und beängstigende Sache zu berichten. Nach dem heutigen Verschwinden Leo’s vermisste plötzlich jeder einzelne Mitreisende von uns etwas Unentbehrliches von Werkzeugen über Kostbarkeiten bis hin zu Karten und Dokumenten. Und als ob das nicht schon sonderbar genug ist, glaubt jeder eben diese Gegenstände seien doch allesamt vom Diener Leo in seinem leinenen Trägersack mitgeschleppt worden. Später tauchten diese doch so wertvollen und unverzichtbar geglaubte Gegenstände einer um den anderen wieder auf. Und die Gegenstände, die nicht mehr auftauchten, empfanden wir plötzlich als doch nicht so wichtig wie sie anfangs erschienen. Schlussendlich blieb uns nur noch etwas übrig das nicht mehr auftauchte und dessen Wert wir nicht falsch eingeschätzt haben. Bei dieser Sache handelt es sich um den Bundesbrief. Doch das ist Schwachsinn. Ich (und einige wenige andere) bin mir sicher, dass wir diesen Bundesbrief gar nie bei uns mitgeführt haben. Jedem von uns ist zwar bewusst, wie wertvoll und unersetzlich dieses Dokument für uns ist, aber dennoch bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass wir ihn nie dabeihatten. Ab und zu wurde mal einer von den anderen überredet und liess sich von einer anderen Meinung überzeugen. Es ging so weit, dass wir untereinander anfingen zu streiten, was höchst ungewöhnlich ist in unserer untrennbaren Brüderschaft. Ich hoffe, dass die nächsten Tagen wieder etwas besser werden und wir finden einen Weg aus dieser betrübenden Lage finden.

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