Interpretation
Interpretation der Morgenlandfahrt
Dieses Werk war für mich von Anfang an sehr speziell. Schon auf der ersten Seite war ich von den vielen Andeutungen, die gemacht werden, etwas irritiert. So werden zum Beispiel auf Seite 1 Hüon und der rasende Roland erwähnt. Ich habe nachgeschaut, was es zu bedeuten hat, was mir aber nicht groß geholfen hat. Mit der Zeit habe ich mich aber an die Art des Werkes gewöhnt und langsam aber sicher entdeckt, welchen Schatz sich hinter dem Werk verbirgt. Es gab Dutzende Möglichkeiten, etwas zu interpretieren. Ich möchte mich aber gerne auf eine Frage vertiefen. Was möchte uns das Werk mitgeben? Denn spätestens, wenn man dieses Buch fertiggelesen hat, sieht man, dass es mehr zu bieten hat.
Über das gesamte Werk begleiten wir H. H. in verschiedenen Phasen der Selbstfindung. In den ersten Seiten beschreibt er, wie unsicher er ist, was er schreiben kann und will. Er möchte etwas verfassen, wobei er selbst gar nicht sicher ist, was es eigentlich ist. Als er auf verschiedene Teile der Morgenlandfahrt zurückblickt und sich daran erinnert, was sein Wunsch war – die Prinzessin Fatme zu sehen –, hat er bereits einen Teil seines Werkes verfasst. Erst später, am Ende des Werkes, fand er sein Manuskript wieder, also das, was er vorher geschrieben hatte. So wie ich es interpretiere, merkte er, dass es ihm gar nicht gefiel, und er fing von vorne an. Wieso passte ihm jenes denn nicht? Ich denke, weil er mit der Zeit – vor allem nach dem Gespräch mit Leo und als er vor Gericht stand – verstand, dass er vieles vielleicht aus der falschen Perspektive gesehen hatte. Kurz darauf begibt er sich erneut auf die Suche nach der Wahrheit. Diesmal nicht in seinem Umfeld in Bund, sondern in der Bibliothek seiner Lebensgeschichten. In den Akten seiner Erlebnisse. Genau dort sah er dann, dass: „Leo. Er musste wachsen, ich musste abnehmen.”
Wenn wir jetzt annehmen, dass Leo ihm dabei hilft, wieder zu sich selbst zu finden, dann kann man herausinterpretieren, dass H. H. in diesem Moment merkte, dass er wieder zu sich selbst finden musste und wollte.
Ich würde dies gerne aus diesem fiktiven, meiner Meinung nach fast fantastischen Werk in unsere reale Welt übertragen. Die Morgenlandfahrt wurde im Jahr 1932 veröffentlicht, also mitten im Aufstieg des Nationalsozialismus, als Deutschland sich in einer tiefen Krise befand. Die Menschen in Deutschland befanden sich in einer tiefen Krise. Ich denke, wer dieses Werk damals las, konnte es als Hilfe oder Leitfaden für die Selbstfindung in einer so schwierigen Zeit sehen. Als einen Weckruf in die Realität.
Meiner Meinung nach gilt dieser Weckruf nach wie vor. Ich denke nicht, dass wir uns in einer so schlimmen Situation wie im Film „Matrix” befinden. Aber wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen sehr viel arbeiten und in der es um Erfolg, Materialismus und den eigenen Platz in der Gesellschaft geht. In einer solchen Zeit würde ein Weckruf sicherlich guttun. Vor allem das weise und fröhliche Verhalten von Leo und die Verschmelzung der Figur von H. H. mit der von Leo sind ein Zeichen, dass es an der Zeit ist, dass wir Menschen einen Blick in unsere Lebensbibliothek werfen und uns, wenn nötig, auch trauen, das bisherige Manuskript neu zu schreiben. Ein Signal, dass der Leo, mit dem wir verschmelzen wollen, nicht von außen abhängig ist oder überhaupt dort ist, sondern dass das Wichtigste in unserem tiefen Inneren ist. Meiner Meinung nach ist die Botschaft des Werkes ein Weckruf, der uns zeigt, wie wir unser eigenes Morgenland erreichen können.
Quellen:
Buch Die Morgenlandfahrt (GooglePlayBooks)